Befunde verstehenBefund verständlich

Migräne: Kriterien, Zeitfenster und Warnzeichen verständlich erklärt

Symbolbild

Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung mit klar definierten Kriterien: Die Kopfschmerzattacke dauert unbehandelt 4 bis 72 Stunden, eine Aura baut sich über mindestens 5 Minuten auf und hält je Symptom 5 bis 60 Minuten an. Genau diese Zeitfenster tragen die Diagnose.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Migräneattacke dauert unbehandelt oder erfolglos behandelt 4 bis 72 Stunden. Die ICHD-3 fordert mindestens 5 solcher Attacken, bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sind schon 2 Stunden möglich.
  • Der Kopfschmerz muss 2 von 4 Merkmalen zeigen: einseitig, pulsierend, mittel bis stark, Verstärkung durch Alltagsbewegung. Dazu kommt Übelkeit oder Erbrechen, oder Licht- und Lärmempfindlichkeit gemeinsam.
  • Eine Aura breitet sich allmählich über 5 Minuten oder länger aus, jedes einzelne Symptom dauert 5 bis 60 Minuten und bildet sich vollständig zurück. Der Kopfschmerz folgt innerhalb von 60 Minuten.
  • Chronisch heißt: Kopfschmerz an 15 oder mehr Tagen im Monat, davon mindestens 8 Tage mit Migränemerkmalen, über mehr als 3 Monate.
  • Kein Bluttest, kein CT und kein MRT beweist eine Migräne. Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt aus dem Beschwerdebild und einer unauffälligen neurologischen Untersuchung.

Viele Menschen nennen jeden heftigen Kopfschmerz Migräne. Medizinisch ist der Begriff enger gefasst. Die internationale Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 der International Headache Society beschreibt Migräne über ein Muster aus Attackendauer, Schmerzcharakter und Begleitsymptomen. Über die Diagnose entscheidet dieses Muster, nicht die Schmerzstärke allein.

Im Anfall werden Botenstoffe frei, die eine entzündungsähnliche Reaktion auslösen und den Nervus trigeminus erregbarer machen. Das ist der Nerv, der Gesicht, Kopf und Hirnhäute versorgt. Die Aura entsteht auf anderem Weg, nämlich durch eine wellenförmig wandernde Hemmung von Nervenzellen in der Gehirnrinde.

Das erste Zeitfenster: 4 bis 72 Stunden

Für eine Migräne ohne Aura fordert die ICHD-3 mindestens fünf Attacken, die unbehandelt oder erfolglos behandelt 4 bis 72 Stunden anhalten. Diese Spanne ist kein grober Anhaltspunkt, sondern Teil der Definition. Daraus folgt einiges, was in vielen Texten fehlt:

  • Kürzer als 4 Stunden: spricht gegen eine typische Migräneattacke.
  • Länger als 72 Stunden: Hält eine Attacke ohne Unterbrechung länger als 72 Stunden an und ist stark beeinträchtigend, spricht die ICHD-3 vom Status migraenosus. Erholungspausen bis zu 12 Stunden durch Schlaf oder Medikamente werden dabei nicht als Ende gewertet.
  • Wenn Du einschläfst: Schläfst Du während einer Attacke ein und wachst beschwerdefrei auf, zählt die Dauer bis zum Aufwachen.
  • Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Hier erlaubt die ICHD-3 kürzere Attacken ab 2 Stunden.

Warum mindestens fünf Attacken? Eine einzelne Attacke lässt sich kaum von einem Kopfschmerz unterscheiden, der eine andere Ursache hat. Wer alle übrigen Kriterien erfüllt, aber weniger als fünf Attacken hatte, wird nach ICHD-3 als wahrscheinliche Migräne ohne Aura eingestuft.

Die Kriterien im Detail

Kriterium Was die ICHD-3 fordert
Anzahl Mindestens 5 Attacken
Dauer 4 bis 72 Stunden, unbehandelt oder erfolglos behandelt
Schmerzcharakter Mindestens 2 von 4 Merkmalen: einseitig, pulsierend, mittlere bis starke Intensität, Verstärkung durch normale körperliche Aktivität wie Gehen oder Treppensteigen (oder Vermeidung solcher Aktivität)
Begleitsymptome Mindestens 1 von 2: Übelkeit und/oder Erbrechen, oder Lichtempfindlichkeit und Lärmempfindlichkeit gemeinsam
Abgrenzung Keine andere ICHD-3-Diagnose erklärt die Beschwerden besser

Zwei Details werden häufig überlesen. Erstens reichen zwei der vier Schmerzmerkmale. Dein Kopfschmerz muss also weder einseitig noch pulsierend sein, um die Kriterien zu erfüllen. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen betrifft er den gesamten Kopf. Zweitens gilt bei den Begleitsymptomen eine Asymmetrie: Übelkeit allein genügt, Licht- und Lärmempfindlichkeit müssen dagegen zusammen auftreten.

Wie oft die Begleitsymptome vorkommen, beziffert die Patientenleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: Übelkeit bei etwa 70 Prozent, Lichtscheu bei etwa 70 Prozent, Lärmempfindlichkeit bei etwa 50 Prozent, Erbrechen bei etwa 30 Prozent und Geruchsempfindlichkeit bei etwa 10 Prozent. Appetitlosigkeit tritt fast immer auf.

Das zweite Zeitfenster: die Aura

Eine visuelle Aura kennen über 90 Prozent der Betroffenen mit Aura, zumindest bei manchen Attacken. Typisch ist ein Flimmern mit gezackter Begrenzung, das langsam über das Gesichtsfeld wandert und dahinter einen blinden Fleck zurücklässt.

Für eine Migräne mit Aura verlangt die ICHD-3 mindestens zwei Attacken mit Aurasymptomen, die sich vollständig zurückbilden. Betroffen sein können Sehen, Körperwahrnehmung, Sprache, Motorik, Hirnstamm oder Netzhaut. Zusätzlich müssen mindestens drei von sechs Merkmalen erfüllt sein:

  • Mindestens ein Aurasymptom breitet sich allmählich über 5 Minuten oder länger aus.
  • Zwei oder mehr Aurasymptome treten nacheinander auf.
  • Jedes einzelne Aurasymptom dauert 5 bis 60 Minuten.
  • Mindestens ein Aurasymptom ist einseitig.
  • Mindestens ein Aurasymptom ist positiv, also ein Zuviel an Wahrnehmung wie Flimmern oder Kribbeln statt eines Ausfalls.
  • Die Aura wird von Kopfschmerz begleitet, oder der Kopfschmerz folgt innerhalb von 60 Minuten.

Die 60 Minuten gelten pro Symptom, nicht für die gesamte Aura. Treten drei Aurasymptome nacheinander auf, akzeptiert die ICHD-3 entsprechend bis zu dreimal 60 Minuten. Für motorische Symptome, also Lähmungserscheinungen, lässt die Klassifikation eine Dauer bis zu 72 Stunden zu.

Warum diese Minuten so genau zählen

Die Zeitfenster trennen die Aura von einer Durchblutungsstörung im Gehirn. Eine Migräneaura wächst langsam über Minuten und wandert. Beschwerden bei einer transitorischen ischämischen Attacke oder einem befund-verstehen/">Schlaganfall setzen dagegen typischerweise schlagartig ein und äußern sich meist als Ausfall, nicht als Flimmern oder Kribbeln. Die ICHD-3-Kriterien wurden gezielt so geschärft, dass diese Unterscheidung besser gelingt. Verlässlich treffen kann sie nur eine ärztliche Untersuchung. Bei plötzlichen neurologischen Ausfällen ist der Notruf 112 richtig, auch wenn Du Deine Migräne gut kennst.

Migräne oder Spannungskopfschmerz?

Beide Kopfschmerzarten sind häufig, und die ICHD-3 grenzt sie über nachprüfbare Merkmale voneinander ab.

Merkmal Migräne ohne Aura Kopfschmerz vom Spannungstyp
Dauer 4 bis 72 Stunden 30 Minuten bis 7 Tage
Lage oft einseitig typischerweise beidseitig
Schmerzqualität pulsierend, pochend drückend oder ziehend, nicht pulsierend
Intensität mittel bis stark leicht bis mittel
Bei Bewegung nimmt zu, Treppensteigen wird gemieden keine Verstärkung durch Alltagsbewegung
Übelkeit möglich, etwa 70 Prozent keine Übelkeit, kein Erbrechen
Licht und Lärm beides zusammen möglich höchstens eines von beiden

Die Merkmale lassen sich mischen, und viele Menschen haben beide Kopfschmerzarten. Deshalb ordnet die Ärztin oder der Arzt sie im Gesamtbild ein und nicht anhand eines einzelnen Punktes aus dieser Tabelle.

Episodisch oder chronisch: 15, 8 und 3

Bei einer chronischen Migräne müssen nach ICHD-3 alle drei Zahlen zusammenkommen:

  • Kopfschmerz an 15 oder mehr Tagen im Monat,
  • davon an mindestens 8 Tagen mit den Merkmalen eines Migränekopfschmerzes,
  • und das über mehr als 3 Monate hinweg.

Alles darunter zählt als episodische Migräne. Die Unterscheidung ist keine Wortklauberei, denn manche Behandlungen sind nur für eine der beiden Formen zugelassen.

Wenn Medikamente den Kopfschmerz unterhalten

Werden Akutmedikamente zu oft eingenommen, kann daraus ein eigenständiger Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch entstehen. Die Schwellen unterscheiden sich je nach Wirkstoffgruppe:

  • Triptane: ab 10 Einnahmetagen pro Monat
  • Kombinationsschmerzmittel: ab 10 Einnahmetagen pro Monat
  • Schmerzmittel als Einzelsubstanz: ab 15 Einnahmetagen pro Monat

Gezählt werden Einnahmetage, nicht Tabletten, und der Zeitraum gehört zur Definition: Die ICHD-3 setzt einen regelmäßigen Übergebrauch über mehr als 3 Monate voraus. Bei etwa 70 bis 80 Prozent der Betroffenen bessert sich dieser Kopfschmerz wieder, wenn der Übergebrauch endet und vorbeugend behandelt wird. Wie das in Deinem Fall aussieht, gehört in die ärztliche Sprechstunde. Setze eine laufende Behandlung nicht auf eigene Faust ab.

Wie die Diagnose entsteht

Es gibt keine apparative Untersuchung, die eine Migräne beweisen oder ausschließen kann. Weder Blutwerte noch CT oder MRT zeigen einen Migränebefund. Die Diagnose ergibt sich aus dem Gespräch über Deine Beschwerden und aus einer neurologischen Untersuchung, die unauffällig sein muss. Geprüft werden dabei zum Beispiel Hirnnerven, Kraft, Empfindungsfähigkeit der Haut, Muskeleigenreflexe und Koordination.

Eine Bildgebung des Kopfes wird nötig, wenn die Beschwerden ungewöhnlich sind oder die neurologische Untersuchung auffällt. Sie dient dann dazu, andere Erkrankungen auszuschließen, nicht dazu, eine Migräne nachzuweisen. Ein auffälliger oder unauffälliger Befund sagt für sich genommen wenig aus und will im Gesamtbild und im Gespräch mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt bewertet werden.

Ein Kopfschmerzkalender ist deshalb das wirksamste Werkzeug, das Du selbst beisteuern kannst. Er hält genau die Zahlen fest, nach denen die Kriterien fragen: Kopfschmerztage pro Monat, Dauer der Attacke, Begleitsymptome und Tage mit Medikamenteneinnahme. Für eine belastbare Auswertung wird meist über mindestens einen Monat dokumentiert.

Wann eine Vorbeugung zum Thema wird

Ob eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll ist, entscheidet sich nicht allein an einer Zahl, sondern am Leidensdruck, an der Einschränkung der Lebensqualität und am Risiko eines Medikamentenübergebrauchs. Die Patientenleitlinie nennt zusätzlich mögliche Kriterien, die Dir eine Orientierung geben, wann Du das Thema ansprechen kannst:

  • 3 und mehr Migräneattacken pro Monat, die die Lebensqualität beeinträchtigen
  • Attacken, die regelmäßig länger als 72 Stunden anhalten
  • Attacken, die auf die Akutbehandlung nicht ansprechen
  • starke Nebenwirkungen der Akutbehandlung
  • zunehmende Attackenfrequenz und steigende Medikamenteneinnahme
  • Attacken mit beeinträchtigenden Auren, etwa mit Lähmungen

Als wirksam gilt eine Prophylaxe, wenn die Attacken bei episodischer Migräne um mindestens 50 Prozent und bei chronischer Migräne um mindestens 30 Prozent seltener werden. Auch das lässt sich nur mit einem Kalender belegen.

Wie häufig Migräne ist

Das Robert Koch-Institut hat für die Krankheitslast-Studie BURDEN 2020 rund 5.000 Erwachsene in Deutschland befragt. 14,8 Prozent der Frauen und 6,0 Prozent der Männer erfüllten die vollständigen Kriterien für eine Migräne. Ein Spannungskopfschmerz fand sich bei 10,3 Prozent der Frauen und 6,5 Prozent der Männer.

Die Patientenleitlinie nennt für Erwachsene insgesamt 10 bis 15 Prozent, mit einem Gipfel zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Vor der Pubertät haben etwa 3 bis 7 Prozent der Kinder eine Migräne, Mädchen und Jungen dabei etwa gleich oft.

Deinen eigenen Befund verständlich erklärt bekommen

Lade deinen Arztbefund hoch und erhalte eine Erklärung in Alltagssprache, auf Wunsch in 16 Sprachen. Mein-Arztbefund übersetzt und ordnet ein, es stellt keine Diagnose.

Befund hochladenDu siehst zuerst eine Vorschau, bevor du dich entscheidest.

Häufige Fragen

Wie lange dauert eine Migräneattacke?

Unbehandelt oder erfolglos behandelt 4 bis 72 Stunden. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren lässt die ICHD-3 auch kürzere Attacken ab 2 Stunden zu. Schläfst Du während einer Attacke ein und wachst beschwerdefrei auf, zählt die Dauer bis zum Aufwachen. Hält eine stark beeinträchtigende Attacke ohne Unterbrechung länger als 72 Stunden an, spricht man vom Status migraenosus und Du solltest ärztlich abklären lassen.

Muss der Kopfschmerz einseitig und pulsierend sein?

Nein. Die ICHD-3 verlangt nur zwei von vier Merkmalen: einseitige Lage, pulsierende Qualität, mittlere bis starke Intensität oder Verstärkung durch normale körperliche Aktivität. Eine Migräne kann also beidseitig und drückend sein und die Kriterien trotzdem erfüllen. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen betrifft der Schmerz den gesamten Kopf, und bei Kindern ist das sogar häufiger als bei Erwachsenen.

Wie lange darf eine Migräneaura dauern?

Jedes einzelne Aurasymptom dauert nach ICHD-3 zwischen 5 und 60 Minuten und bildet sich vollständig zurück. Die 60 Minuten gelten pro Symptom: Treten drei Symptome nacheinander auf, sind entsprechend bis zu dreimal 60 Minuten möglich. Motorische Symptome dürfen bis zu 72 Stunden anhalten. Eine Aura, die zum ersten Mal auftritt, länger dauert oder nicht vollständig verschwindet, gehört ärztlich abgeklärt.

Kann man Migräne im MRT oder im Blut nachweisen?

Nein. Es gibt keine apparative Untersuchung, mit der sich eine Migräne beweisen oder ausschließen lässt. Die Diagnose stützt sich auf Deine Krankengeschichte und eine neurologische Untersuchung, die unauffällig sein muss. Eine Bildgebung wird bei ungewöhnlichen Beschwerden oder auffälliger Untersuchung eingesetzt, um andere Ursachen auszuschließen. Jeder Befund will im Gesamtbild und im ärztlichen Gespräch bewertet werden.

Ab wann gilt eine Migräne als chronisch?

Wenn Du an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen hast, davon an mindestens 8 Tagen mit Migränemerkmalen, und das über mehr als 3 Monate. Alles darunter zählt als episodische Migräne. Hinter häufigem Kopfschmerz steckt oft ein Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch, der sich bei etwa 70 bis 80 Prozent der Betroffenen bessert, wenn der Übergebrauch endet und vorbeugend behandelt wird.

Quellen

  1. International Headache Society: ICHD-3, 1.1 Migräne ohne Aura, diagnostische Kriterien (3. Auflage, 2018)
  2. International Headache Society: ICHD-3, 1.2 Migräne mit Aura, diagnostische Kriterien (3. Auflage, 2018)
  3. International Headache Society: ICHD-3, 2.1 Sporadisch auftretender episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp (3. Auflage, 2018)
  4. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Deutsche Hirnstiftung: Leitlinie Therapie der Migräne für Patientinnen und Patienten, AWMF-Registernummer 030/057, 1. Auflage, September 2025
  5. Porst M, Wengler A, Leddin J et al.: Migräne und Spannungskopfschmerz in Deutschland. Prävalenz und Erkrankungsschwere im Rahmen der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020. Robert Koch-Institut, Journal of Health Monitoring S6/2020
  6. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Migräne, gesundheitsinformation.de
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und dem besseren Verständnis medizinischer Begriffe. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an deine Ärztin, deinen Arzt oder eine Apotheke.